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 BIS ZUM GEFRIERPUNKT
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LESEPROBE »BIS ZUM GEFRIERPUNKT«
 

In einem Waldstück am Ortsrand. Im Wald ist nichts zu hören außer dem Vogelgezwitscher, dem Rauschen der Bäume und dieses laute Keuchen. Das Keuchen rennender Menschen, die vor etwas weglaufen. Sie rennen durch den Wald, springen über umgefallene Bäume und Äste, fallen ein paarmal hin und richten sich hastig wieder auf. Bis sie das Dickicht erreichen, in dem sie sich verstecken können. Abrupt bleiben beide stehen.
Erschrocken und mit Angst in den Augen sagt einer der Jungen: »Da schläft ein Mann.«
Mit neugierigem Blick schaut auch der andere Junge und sagt: »Wir müssen die Lehrerin rufen.«
Sie drehen sich um und rufen zum Rest der Klasse rüber.
Die Klassenlehrerin geht zu den beiden und schaut auf den Mann, der auf dem Bauch liegt und nur mit wenigen Zweigen bedeckt ist. Der Fliegenschwarm, der um den reglosen Körper schwirrt, lässt die Lehrerin unsicher sagen: »Geht bitte zur Gruppe zurück und lasst den Mann schlafen.« Die beiden tun, was sie sagt. Mit der Schuhspitze stößt die Lehrerin den Mann an. Der Körper wirkt steif. Sie geht zu ihrer Kollegin und sagt leise: »Ich glaube, da liegt ein Toter. Ich rufe die Polizei, geh mit den Kindern weiter.«
Zwei Polizisten sind in wenigen Minuten vor Ort und stellen schnell fest, dass sie eine Leiche vor sich haben. Sie melden der Zentrale, dass die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner benötigt werden. »Wir haben hier eine Leiche. In der Nähe des Sees.« Sie geben die Wegbeschreibung durch.
Nachdem der Gerichtsmediziner angekommen ist, legt er Mundschutz, Overall und Handschuhe an und beginnt mit seiner Untersuchung. Als er die Leiche schließlich zur Seite dreht, stellt er fest, dass das Gesicht des Toten so gut wie nicht mehr vorhanden ist.
»Das waren höchstwahrscheinlich Tiere«, sagt der Mediziner zu den Kollegen gewandt. »An die Hände kamen die Tiere nicht ran, die lagen unter dem Toten. Das ist gut für mich, dadurch habe ich noch Fingerabdrücke, falls ihr ihn nicht über die Personalien identifizieren könnt. Und bevor ihr fragt, zur Todesursache und dem Zeitpunkt des Todes kann ich erst was sagen, wenn ich ihn obduziert habe.« Dann fügt er noch hinzu: »Und sammelt auch ein paar Fliegen und Maden ein, die sind stumme Helfer unter dem Mikroskop.«
Weiträumig wird der Leichenfundort abgeriegelt. Herr Walter Beck, der zuständige Kommissar, trifft etwas später ein und vernimmt die Lehrerin, die aber, bis auf den Fund der Leiche, keine weiteren Angaben machen kann.


Kapitel 1

Jennifer Hunter zog an einem heißen Tag im Mai in das kleine Dorf am schönen Niederrhein. Ihr neues großes Appartement in bester Südlage und mit stattlicher Terrasse befand sich im Hochparterre eines Vierparteienhauses. Jennifer kam gerade aus Florida in den USA und war von der Sonne verwöhnt. Sie übernahm die Wohnung teilmöbliert, was ihr für den Anfang sehr gelegen kam, da sie mit ihrem neuen Job als Marketingleiterin alle Hände voll zu tun bekommen würde. Der Container mit allen Habseligkeiten, die sie in Florida besessen hatte, brauchte auch noch eine Woche. Also hing sie erst einmal die Kleider aus den beiden Koffern sorgfältig in den Kleiderschrank. Gute und schicke Kleidung war ihr sehr wichtig, wie auch ihre Kosmetik, die sie als Nächstes in ihrem großen und hellen Badezimmer im Spiegelschrank, der über zwei Waschbecken reichte, verstaute. Damit waren die für sie wichtigsten Dinge des Lebens erst einmal untergebracht.
Langsam merkte Jennifer, dass sie bei dem heißen Wetter viel zu wenig getrunken hatte. Im Flugzeug einen O-Saft, zwei Wasser und eine Tasse Kaffee. Mal sehen, ob meine Vormieter noch etwas im Kühlschrank vergessen haben, dachte sie sich. Natürlich war der Kühlschrank in der komplett eingerichteten Küche leer. Also ließ sie das kalte Wasser laufen, machte ihre Hände zur Schöpfkelle und trank das kühle Nass in großen Schlucken. Mit der Hand wischte sie sich den Mund kurz ab und ging zur Terrasse. An der weit geöffneten Flügeltür blieb sie stehen, legte die Hände verschränkt in den Nacken und atmete tief durch. Würde man jetzt ein Foto von Jennifer machen, könnte man ein Topmodel von hinten beschreiben: 170 cm groß, schlank, blondes Haar bis zum Steißbein. Braune, sehr gut geformte Beine mit schmalen Fesseln. Den kurzen weißen Rock und die weißen hohen Pumps würde sie aber niemals im Büro tragen. Das aktuelle Outfit war für sie Freizeitkleidung.
Mit den Armen im Genick betrat sie die Terrasse und sah in die blühenden Clematis, die sich an der Seite hochrankten. Schnellen Schrittes ging sie an die Balustrade und verfolgte, von wo die Clematis herkamen. Unten stand eine Zypresse, die so hoch gewachsen war, dass die Clematis, die vom Vormieter gepflanzt worden war, eine Kletterhilfe hatte. Die kommen als Erstes raus, dachte Jennifer. Ich mochte die Wespen anziehende Alt-Schrebergarten-Pflanze noch nie. Ich weiß nur, ein Gärtner muss her, der mir auch meine Terrasse mit Palmen verschönert.

Am nächsten Tag fuhr sie zur Arbeit und wurde von den Mitarbeitern mit Blumen und Champagner empfangen. Ihr Büro war mit weißen Hochglanzmöbeln eingerichtet. Ganz so, wie sie es von Florida aus angeordnet hatte. Jennifer machte bis um 17 Uhr allen Mitarbeitern mit sanfter, aber bestimmender Art klar, was sie von ihrem Team erwartete. Marketing sei ein hartes Geschäft und brauchte nur Menschen mit Ellenbogen und schnellen Reaktionen.
Nachdem sie sich von ihren Mitarbeitern verabschiedet hatte, fuhr sie erst einmal einkaufen, denn zu Hause gab es nur ihr Leitungswasser. Die gut gefüllten Einkaufstüten legte sie in den Kofferraum des neuen Firmenwagens. Ihr gefiel der Mittelklassewagen zwar nicht, aber das war für sie erst einmal nicht so wichtig. Sie machte sich Gedanken über ihre Terrasse, und dass die Clematis beseitigt werden mussten. Sie fuhr an zwei Gärtnereien vorbei, bis sie zur Gärtnerei Schubert kam. Dort betrat sie eine kleine, helle Glashalle, wo ein Mann im Sprühnebel stand und den gelben Gartenschlauch wie eine Schlange hinter sich liegen hatte.
Jennifer räusperte sich kurz. Der Mann drehte sich um und sah die Frau, die hinter ihm stand, kurz an. Dann drehte er das Wasser hastig zu, ließ den Schlauch fallen und drehte sich wieder zu Jennifer. Ohne ein Wort zu sagen, starrte er sie an.
Jennifer sagte mit einer sehr erotischen Stimme: »Ich brauche Ihren Rat.«
Der Mann brachte immer noch kein Wort heraus.
Jennifer fragte im gleichen Ton weiter: »Sind Sie hier der Gärtner?«
Der Mann sagte mit stockender Stimme: »Ja. Ich bin Herr Schubert«, und machte wieder eine Pause. Die Pause und seine Augen verrieten seine Gedanken. Vor ihm stand eine Frau, die ihm den Atem raubte. Sie hatte grau-grüne Katzenaugen und ein ebenmäßiges Gesicht. Die vollen Lippen, das blonde, lange Haar. Eine Figur, die man sonst nur in einem Hochglanzmagazin zu sehen bekam. Ihr kurzes Lächeln fesselte ihn noch mehr an ihr Gesicht.
»Herr Schubert«, sagte Jennifer, »ich brauche Ratschläge, und vielleicht können Sie mir helfen.«
»Ja, wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich suche einen Gärtner, der bei mir einige Pflanzen entfernen soll, und meine trostlose Terrasse könnte einige Palmen gebrauchen, die auch winterhart sind. Herr Schubert, haben Sie Zeit, solch einen Auftrag anzunehmen?«
Herrn Schubert traten Schweißperlen auf die Stirn, und rote Flecken zeigten sich am Hals. Ohne groß zu zögern, sagte er: »Ja, ich habe Zeit. Sagen Sie mir, wann es Ihnen recht ist.«
»Wie ist es mit morgen um 17 Uhr? Können Sie da?«
»Morgen? Kein Problem.«
Herr Schubert ging mit großen Schritten zu einem Tisch und holte ein Auftragsformular hervor. »Bitte füllen Sie mir das aus«, sagte er.
Jennifer schrieb ihren Namen und Adresse auf und was sie für Pflanzen haben möchte.
Herr Schubert las den Auftrag mit großer Aufmerksamkeit. »Wie viele Palmen?«, fragte er.
»Das können wir morgen besprechen.«
»Ich brauche noch Ihre Telefonnummer.«
»Aber ja doch«, sagte Jennifer. »Ich glaube, dann haben wir alles, Herr Schubert, und ich sage mal bis morgen.«
Herr Schubert reichte Jennifer die Hand und sagte mit leiser Stimme: »Bis morgen, ich freue mich.«
Jennifer ging mit rhythmischem Schritt aus dem Laden. Das konnte man nicht nur sehen, sondern auch hören, die Schuhe klackerten bis zum Wagen.
Herr Schubert schaute ihr hinterher. Mit leiser Stimme sagte er zu sich: »Die Frau hat Klasse. Das Kleid, das sie trägt, ist wie für sie gemacht. Schlichtes zartes Rosé, da kommen die braunen Beine ...«
Weiter kam er nicht. Von hinten rief seine Frau: »Manfred, ich brauch deine Hilfe.«

Daheim angekommen, befüllte Jennifer den Kühlschrank und ging anschließend duschen. In ein Badetuch gehüllt setzte sie sich in das karge Wohnzimmer: eine taubenblaue Couch, ein metallfarbener Couchtisch, weiße Wohnwand. Während sie sich umschaute, dachte sie: Das werde ich als Nächstes ändern. So hässliche Möbel kann man ja noch nicht mal verschenken.
Am nächsten Tag lief es in der Arbeit wie am Schnürchen. Nur Frau Müller, Jennifers Sekretärin, 158 cm groß, vollschlank, kurzes, rotes Haar, 45 Jahre, wollte alles über die USA und insbesondere Florida wissen. Das ging Jennifer auf die Nerven.
Um 16 Uhr war sie endlich wieder in ihrer Wohnung zurück und überlegte, ob sie das weiße, knielange Kleid anlassen sollte oder lieber eine Shorts. Nein, das Kleid bleibt an, dachte sie.
Dann griff sie zum Telefon und wählte eine kurze Nummer. Es meldete sich ein Herr Jürgen Lauch.
»Guten Tag, Herr Lauch, ich bin Frau Hunter und brauche die Beratung eines Innendesigners.«
»Darf ich fragen für welchen Raum?«
»Für die ganze Wohnung. 150 qm müssen in meinem Stil eingerichtet werden.«
»Dafür brauchen wir Zeit. Wie wäre es am Samstagmorgen um 11 Uhr?«
»Sehr gut«, antwortete Jennifer. »Ich gebe Ihnen meine Adresse.«
»Gut, Frau Hunter. Ich habe mir alles notiert. Bis Samstag dann.«
Jennifer verabschiedete sich und legte auf. Da ging auch schon die Türklingel. Herr Schubert, der Gärtner, stand vor ihr, in einer grünen Latzhose und gelbem T-Shirt. Herr Schubert war ca. 185 cm groß und schlank. Braunes Haar und braune Augen. In der Hand hielt er einen Pflanzenkatalog.
»Kommen Sie rein«, sagte Jennifer und bot ihm an, Platz zu nehmen. »Möchten Sie etwas zu trinken?«
»Ja danke, Wasser bitte«, antwortete Herr Schubert, der den Blick nicht von Jennifer lassen konnte. Nebeneinandersitzend schauten sich beide die Vielfalt der Palmen im Katalog an. Sie zeigte mit langem, rotem Fingernagel auf eine Fächerpalme.
»Die möchte ich im Wohnzimmer haben«, meinte sie. »Ich würde sagen, die anderen Pflanzen überlasse ich Ihnen. Sie sind der Fachmann. Wir gehen besser einmal auf die Terrasse, da können Sie sich einen Eindruck verschaffen.«
Herr Schubert schaute sich auf der großen Terrasse um und sprach mit dem Kopf nach unten gesenkt: »Bei einer so schönen Frau würde ich nur Rosenstöcke in einer reichen Vielfalt stellen.«
»Danke für das Kompliment«, sagte Jennifer.
»Aber, Frau Hunter, das hören Sie doch bestimmt jeden Tag von Ihrem Mann.«
»Nein«, sagte Jennifer, »ich habe keinen Mann, also ich bin Single. Und was ist mit Ihnen, Herr Schubert? Sind Sie verheiratet?«
»Ja«, sagte er.
Aber weiter kam er nicht. Jennifer schnitt ihm das Wort ab: »Nicht glücklich?«
»Woher wissen Sie das, Frau Hunter?«
»Ihre Augen, Herr Schubert.«
»Was ist mit meinen Augen?«
»Sie sehen mich mit einem Glanz an, wie man eigentlich nur seine eigene Frau ansehen sollte.«
»Tut mir leid, Frau Hunter, wenn Sie sich von meinem Blick belästigt fühlen.«
Darauf erwiderte Jennifer mit einem tiefen, geraden Blick: »Das muss Ihnen nicht leidtun, sagen Sie Jennifer zu mir.«
»Ja, ich bin Herr Schubert, ach, ich wollte sagen, Manfred.«
»Gut, Manfred, nun zu den Clematis.«
Manfred schaute nach unten. »Kein Problem, die sind im Handumdrehen aus deinen Augen. Ich komme morgen wieder. Ist das für Sie, ich meine dich, in Ordnung?«
»Ja, Manfred, ich freue mich.«
»Gut«, sagte Manfred und hielt ihr die Hand hin. Jennifer drückte ihre Hand sanft in seine.
Nachdem der Gärtner gegangen war, legte sich Jennifer erschöpft in ihr Bett und hörte leise Blues-Musik.
Als der Nachrichtensprecher die sommerlichen Temperaturen für den nächsten Tag verkündete, dachte Jennifer nur: Was ziehe ich an? Bis zu 32 Grad. Das hellblaue Kleid oder das geblümte?

Am nächsten Tag trug Jennifer das geblümte Kleid mit dem roten Gürtel, der ihre schmale Taille voll zur Geltung brachte. Als sie am Abend von der Arbeit kam, stand ein Wagen mit dem Firmenlogo ›Schubert, der Mann mit dem grünen Daumen‹ vor dem Haus. Sie vermutete, dass Manfred der Clematis und der Zypresse heute den Lebensraum unter ihrer Terrasse nehmen würde, und so war es auch. Als sie hinter das Haus kam, stand Manfred dort und schmiss Erde in das Loch, wo einmal die Pflanzen standen.
»Hallo, Manfred«, sagte sie mit einem Lächeln, »du bist ja schon fertig.«
»Ach, Jennifer, schön dich zu sehen. Nur noch ein, zwei Schaufeln Erde, dann bin ich fertig.«
»Meine Güte«, sagte Jennifer, »und das bei so heißem Wetter.«
»Aber das macht mir nichts aus. Ich bin Kälte und Hitze gewohnt.«
»Möchtest du etwas trinken?«, fragte Jennifer und machte eine Kopfbewegung, die nach oben wies.
»Ja, ich komme gleich mit. Muss nur noch die Sachen zusammenpacken.«
Jennifer ging vor Manfred her. Ihr blondes, langes Haar schaukelte im Rhythmus ihrer Schritte mit.
Oben auf der Terrasse tranken sie eine eiskalte Cola.
»Das tut gut«, sagte Manfred.
»Ja«, erwiderte Jennifer und lehnte sich über die Brüstung.
Von hinten sah Manfred, wie ihre Haare nach vorne fielen. Die schmale Taille, gehalten von einem roten Gürtel, regte seine Fantasie an. Er stellte sich vor, wie er an dem Gürtel zieht, Jennifer herumdreht und sie küsst.
Jennifer drehte sich um und warf ihre Haare nach hinten. Ein paar Strähnen blieben noch im Gesicht, als sie langsam auf Manfred zukam und »Danke« sagte, »das hast du gut gemacht. Endlich sind die Schrebergartenpflanzen weg.« Dann strich sie sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und ging zurück in ihre Wohnung.
Manfred schüttelte den Kopf, so als wenn er erst mal wieder zu sich kommen müsste, und ging ins Wohnzimmer, wo Jennifer stand und lachte.
»Was ist?«, sagte er. »Warum lachst du so?« Wobei er nur auf ihre strahlend weißen Zähne blickte.
»Du hast dich geschüttelt wie ein Hund, der aus dem Regen gekommen ist«, sagte sie, »nur darüber musste ich lachen.«
Etwas verlegen schaute er Jennifer an und sagte: »Ich habe nur an etwas denken müssen.«
»Und das war so schaurig, dass du dich schütteln musstest?«
»Nein, im Gegenteil«, sagte er.
»Im Gegenteil?«
»Ja.«
»O. K.«, meinte Jennifer und schüttelte jetzt selber den Kopf, worauf Manfred lachen musste.
»Da sind wir wohl beide von einem Regenschauer überrascht worden.«
»Schön, dass man mit dir lachen kann«, sagte sie.
»Ich finde es auch schön, mal einen Menschen wieder lachen zu sehen.«
»Was soll das heißen? Du hast sonst nichts zu lachen?«
»Nein, meine Kunden sind schon sehr nett, aber …«
»Kein aber«, sagte Jennifer, »was ist los?«
»Ach«, meinte Manfred, »meine Frau.«
»Was ist mit deiner Frau?« Und sie warf gleich hinterher: »Du musst aber nicht antworten, wenn du nicht möchtest.«
»Ja, reden möchte ich schon, aber du sollst nicht denken, ich würde schlecht über sie reden.«
»Man kann nichts schlechtreden, was nicht schlecht ist.«
»Wie meinst du das, Jennifer?«
»Na ganz einfach, wenn ich mir Wurst kaufe, die laut Haltbarkeitsdatum noch eine Woche haltbar ist, dann muss sie das auch sein. Mache ich sie zu Hause auf und sie riecht und ist schmierig, dann ist sie schlecht, und das ist die Tatsache. Nun, Manfred, musst du wissen, was ist schlechtreden? Riecht deine Ehe und ist schmierig, oder ist das Haltbarkeitsdatum noch o. k.?«
»Das hast du mir gut rübergebracht, Jennifer«, antwortete Manfred. »Also meine Ehe hat nur noch wenig Zeit auf dem Haltbarkeitsdatum. Meine Frau Daniela ist Mitinhaberin im Geschäft. Sie hat auch Gartenbau studiert, fühlt sich aber nur für die Büroarbeit zuständig. Und zum Großmarkt morgens um 3 Uhr kann ich alleine fahren. Auch das Gewächshaus muss ich alleine pflegen. Alle Arbeit, die schwer ist, bleibt an mir hängen. Nicht, dass du glaubst, ich wollte ihr all die schwere Arbeit aufbürden.«
»Nein, ich glaube, ich weiß, was du meinst.«
»Echt?«, meinte Manfred. »Du verstehst, dass ich den ganzen Tag alleine bin?«
»Ja«, erwiderte Jennifer, »ich bin es ja auch, sogar noch am Abend.«
»Nun, da kann ich mithalten, am Abend liegt Daniela nämlich auf dem Sofa mit dem Hund im Arm und meint, sie sei vom Tag so kaputt und müde. Ich erwidere dann immer, dass sie eine Putzfrau hat und ihre Mutter jeden Tag kocht. Aber Antwort bekomme ich schon lange keine mehr auf meine Bemerkungen.«
»Das tut mir leid, Manfred«, sagte Jennifer und streichelte ihn tröstend am Arm, worauf Manfred eine Gänsehaut bekam und ihr tief in die Augen sah, so lange und tief, dass Jennifer sich in seinen Augen wie in einem kleinen Spiegel sehen konnte.
Mit feuchten Händen und trockenem Hals sagte er: «Ich muss jetzt los.«
»Ja, klar.«
Als er die Treppen runterging, fragte Jennifer: »Ach, was ist mit den Palmen? Rufst du mich an, wenn du sie hast?«
»Natürlich. Ich hoffe, sie kommen schnell.«
Als Manfred weg war, ließ sich Jennifer ein Bad ein. Wetterunabhängig brauchte sie ihre Entspannung. Mit einem Buch in der Hand und einem Glas Rotwein setzte sie sich in den Whirlpool, bis sie die richtige Bettschwere verspürte.

Der Tag heute wird stressig, dachte sie am nächsten Morgen, während sie sich das türkisfarbene Kleid anzog. Nur kurz einen Espresso. Der Apfel musste auf dem Weg zur Arbeit gegessen werden. Ich kann die Konferenzschaltung in die USA nicht leiden, dachte sie. Die Kollegen drüben sind nicht mehr so aufnahmefähig, wenn sie in der Nacht arbeiten müssen. Doch die Konferenz lief gut, und Frau Müller hatte mal nicht genervt.
Endlich zu Hause und nur noch unter die Dusche. Das tat gut bei der Hitze. Aber nur so lange, bis die Türklingel sie zur Eile zwang. Schnell wickelte sie sich das Badetuch um und ging auf Zehenspitzen zur Tür, wo sie den Hörer der Türsprechanlage abnahm.
»Hallo, wer ist da?« Keine Antwort. Sie rief noch einmal: »Hallo!« Es klopfte an der Tür. Jennifer erschrak, schaute durch den Spion und sah einen großen, bunten Blumenstrauß, der langsam nach unten rutschte und Manfreds Gesicht freigab. Sie öffnete die Tür und sagte: »Du hast mich zu Tode erschrocken.«
»Tut mir leid, ich hatte angerufen, aber es ist immer besetzt, und unten steht die Tür auf.«
Sie lächelte ihn an. »Dann komm rein.«
Was Manfred mit eiligem Schritt auch tat. Schon stand er im Flur vor ihr und sagte: »Ich wollte mich für gestern bedanken. Dass du mir zugehört hast, ohne zu werten. Das ist sehr lieb von dir.«
Sie nahm die Blumen fest an sich und lachte wieder.
»Kann ich mitlachen?«, meinte Manfred eher traurig.
»Ja«, antwortete Jennifer, »das kannst du. Ich habe keine Vase. Meine Sachen sind noch auf dem Weg nach Deutschland.«
»Wie auf dem Weg nach Deutschland? Ich verstehe nicht.«
»Ich habe doch 18 Jahre in den USA gelebt und bin jetzt erst beruflich nach Deutschland zurückgekehrt.«
»Wie kann die USA eine so schöne Frau nur ohne Vase ausreisen lassen?«, sagte Manfred lachend.
Jennifer konnte nicht anders und musste mitlachen. Dann wurde es stumm zwischen den beiden, und Manfred kam langsam auf Jennifer zu. Er streichelte ihr durch das nasse Haar und betrachtete Jennifer sehr lange. Sie hielt seinen Blicken stand. Bis er ihr einen langen, sanften Kuss gab, den sie erwiderte. Die Küsse wurden immer leidenschaftlicher. Das Badetuch fiel zu Boden.
Durch den Flur verteilt lag Wäsche. Aus dem Schlafzimmer hörte man Manfreds Stimme, die immer wieder einen Namen stöhnte: »Jennifer.«

Am nächsten Tag stand Manfred schon vor Jennifers Haus, als sie von der Arbeit kam. Er hatte die Fächerpalme bereits abgeladen.
Sie strahlte ihn an und rief: »Schön, dass die Palme da ist.«
Er nahm die Palme und trug sie ins Wohnzimmer, ließ sie einfach da stehen, nahm Jennifer in den Arm und gab ihr einen Kuss.
»Und jetzt erst einmal guten Tag, mein Traum«, sagte er.
»Hallo und Entschuldigung, dass ich dich nicht vor dem Haus begrüßt habe«, erwiderte sie, »aber ich möchte keine eifersüchtige Ehefrau vor meiner Tür haben.«
»Das war der Grund, und ich dachte schon, du möchtest mich nicht wiedersehen.«
»Aber nein, Manfred, ich freue mich über dich. Würdest du bitte die Palme ans Fenster stellen? Ich gehe erst mal duschen.«
»Brauchst du eine Rücken-Hand? Ich hätte da eine über.«
Jennifer lachte. »Kann die Hand auch noch mehr?«
»Aber ja«, sagte Manfred.
»Na gut, dann zeig mal, wie die Hand die Espressomaschine bedienen kann. Ich bin im Bad.«
Nach einer Weile klopfte es an der Badezimmertür und Manfreds Stimme war zu hören: »Die Hand ist jetzt wieder frei, kannst du sie jetzt als Rücken-Hand gebrauchen?«
»Ja, komm rein!«, drang ihre Stimme durch das Rauschen des Wassers hindurch.
Manfred zog sich aus und ging zu Jennifer unter die Dusche. Er nahm die Duschlotion und rieb ihr den Rücken ein. Sehr zärtlich, Stück für Stück, erforschte er ihren Körper und sagte: »Du bist vollkommen. Das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Ich kenne keine Blume, die so zart und duftend schön ist.«
Sie liebten sich unter der Dusche.




 
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