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 HALBE LEICHEN
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Leseprobe

LESEPROBE »HALBE LEICHEN GIBT ES NICHT«
 

1  Schleuse Lirich

»Jupp, komm ma her

»Jau, watt is

»Kuck ma da unten, in Kammer 2, watt schwimmt’n da

Josef Machajewski blickte durch die Panoramaverglasung der Kanzel hinunter in die zweihundertfünfzig Meter lange Schleusenkammer. Seine Augen streiften über die Oberfläche des braunen Brackwassers. »Ich seh nix

»Ganz hinten …! Da schwimmt doch watt Alfred Aschoff deutete in Richtung des Schleusentors. »Komischet Ding«, murmelte er kopfschüttelnd. »Taucht auf und geht wieder unter

»Gib ma her …

Jupp nahm dem Kollegen das Fernglas aus der Hand und suchte an der angegebenen Stelle die Wasseroberfläche ab. »Jau, gezz seh ich et au. Sieht aus wie’n flach’n Behälter oder sowatt Er setzte den Feldstecher ab, wandte sich wortlos um, zog seine orangefarbene Dienstjacke von der Stuhllehne und schlüpfte umständlich hinein. Es war kurz vor 17 Uhr und bald Schichtwechsel. »Ich geh ma runter und hol datt raus. Bin gleich widder da

Alfred nickte und beugte sich über die Regler des computergesteuerten Leitstandes. Das Meer grüner und roter Signaldioden tauchte sein Gesicht in ein geheimnisvolles Licht.

»Lass aber die Kammer dicht, bis ich datt Dingen raus hab«, raunzte Machajewski und wandte sich dem Ausgang zu.

»Nimm Funk mit und sach Bescheid, wenne fettich bis. Rotterdamer wartet seit’ ner halben Stunde. Datt is dann Letzte für heut«, rief Alfred seinem Kollegen nach. Doch Jupp hatte die Tür hinter sich zugeworfen und stapfte bereits auf der Trennmauer der beiden mächtigen Kammern in Richtung Schleusentor. Er hatte eine lange Hakenstange in der rechten Hand, die für solche Fälle an der Rückseite der Eisentreppe hing.

 

Machajewski, ein grobknochiger Kerl von etwa Mitte vierzig, mit Händen wie Kohlenschaufeln, einer dem man ansah, dass harte Jahre hinter ihm lagen, stiefelte schwerfällig auf der Kammer entlang in Richtung Schleusentor. Sein schütteres Haar, das ihm wirr ins Gesicht fiel, der blasse, großporige Teint und sein gebeugter Gang ließen ihn müde und abgespannt erscheinen. Doch der Schein trog, auch wenn seiner Miene melancholische Erschöpfung abzulesen war.

Dennoch, Jupp war im Innersten zufrieden. Ja, er selbst – würde man ihn gefragt haben – hätte sich als glücklich bezeichnet. Bis vor fünf Jahren war er ›auf Zeche‹ eingefahren, und als sie mangels Ergiebigkeit geschlossen wurde, bekam er durch Fürsprache seines Schwagers Martin, der eine einflussreiche Position im Duisburger Rathaus hatte, diesen Job angeboten.

Es war eine ruhige Arbeit, die von den Zyklen der sich öffnenden und schließenden Schleusentore bestimmt wurde. Sie war genauso ruhig wie der Rhein-Herne-Kanal, der tagein tagaus träge und trüb dahinfloss. Eine Arbeit ohne Hektik und ohne Aufregungen, mit zufriedenstellender Bezahlung und Ortszuschlag der Gruppe ›S‹.

 

Machajewski hatte die Stelle erreicht, an der Alfred den Gegenstand gesichtet hatte. Das auf- und abtauchende Etwas entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ein Koffer. Und so, wie es aussah, ein ziemlich großer. Doch gleichgültig, ob groß oder klein, alt oder neu, solche Sachen hatten in der Schleusenkammer nichts zu suchen und mussten geborgen werden. Vorschrift!

»Watt die Leute allet so innet Wasser werfen«, grummelte er und schaltete sein Funkgerät ein. »Jupp an Brücke, kommen! Hör’ße mich, Alfred?«

»Jauwatt is gezz

»Datt Dingen is’n Koffer. Sieht ziemlich neu aus, wenn’ze mich frachst! Lang liecht der noch nich da drin. Ich hol den ma’ raus

»Okay. Beeil dich, der Rotterdamer hat mich schon zwei Mal angefunkt. Der will endlich weiter

Mit dem Fernglas beobachtete Alfred von der Brücke, wie Jupp nach dem Koffer fischte, der im Abstand von knapp einem Meter von der Kammerwand entfernt auf dem Wasser schaukelte. Er schien mit der Angelei seine liebe Mühe zu haben. Nach einigem Stochern bekam er das Ding an den Haken und zog ihn unter Aufbietung aller Kräfte nach oben. Gerade als er das Ungetüm über den Rand der Mauer hieven wollte, rutschte es ihm aus der Hand. Klatschend stürzte das Gepäckstück wieder auf die Wasseroberfläche und tauchte für einen Moment unter.

»Watt machste für’n verdammten Scheiß, knatterte es blechern aus dem Lautsprecher des Leitstandes. Jupp fluchte wie ein Rohrspatz, während Alfred mit leisem Grinsen um die Lippen beobachtete, wie sein Kollege bäuchlings auf der Staumauer liegend versuchte, das Treibgut wieder an den Haken zu bekommen.

»Mach hinne«, rief Alfred ungeduldig ins Mikro. »Stell dich nicht so an

»Der ist abber sauschwer«, presste Jupp angestrengt ins Mikro seines Funkgerätes. »Ich hab Angst, dass Griff abreißen tut

»Hol datt Dingen raus! So schwer kannet nich sein

»Halt die Klappe, blaffte Jupp zurück und machte sich lang.

Jetzt hatte er das graue Ungetüm am Griff erwischt, fasste mit der zweiten Hand nach, wuchtete den Koffer mit einem Ruck über die Kante und zog ihn auf den Betonabsatz.

»Hab ihn«, keuchte er. »Sauschwer, ich sachet dir! Wieso datt geschwommen is, versteh ich nich. Datt müssen Backsteine oder Goldbarren sein

»Mach ihn auf, dann siehße, watt drin is«, meinte Alfred mürrisch.

 

Aschoff versah seinen Dienst im Wasser- und Schifffahrtsamt nun schon über 25 Jahre, und er hatte in seinem Leben schon viele angeschwemmte Koffer und Taschen aus dem Kanal gezogen. Er war, was den Inhalt anbetraf, weniger optimistisch als sein Kollege. Meist hatte er Leichen darin gefunden, sorgsam verpackt und gebündelt, manchmal auch fein säuberlich tranchiert und portionsweise in Müllsäcke gewickelt. An seine letzte konnte er sich noch lebhaft erinnern. Jemand hatte eine kleine Frau mit Gewalt in einen großen Reiserucksack gepfercht.

Der grüngelbe Tornister der Marke ›ENORM‹, mit Beckenstütze und modernem Klettverschluss, war von ziemlich guter Qualität, das hatte Alfred sofort bemerkt. Er hätte das Ding wirklich gut gebrauchen können, zumal sein Urlaub in Bayerisch Eisenstein kurz bevorstand. Und da die Leiche in eine Plastikfolie gehüllt und nicht mit dem Stoff des Rucksackes in direkte Berührung gekommen war, konnte man diesen durchaus als neuwertig ansehen. Alfred war in diesen Dingen nicht sonderlich empfindlich, schließlich war auch Omma in ihrem Häuschen gestorben, und nun wohnte er drin.

Kurz entschlossen hatte er den in PVC-Folie eingewickelten Leichnam, der mit mehreren Einmachgummis zusammengeschnürt war, aus dem engen Gefängnis befreit und neben das Schleusentor gelegt. Den Rucksack hatte er anschließend im Waschraum mit Handwaschpaste und heißem Wasser gereinigt und in seinem Spind verstaut. Eigentlich wollte er das gut erhaltene Stück nach Dienstschluss mitnehmen, doch die Kripo beschlagnahmte das Corpus Delicti.

 

Er redete nicht gerne über diesen Vorfall und das peinliche Verhör, das er seinerzeit über sich hatte ergehen lassen müssen. Er erinnerte sich noch gut an den leitenden Kommissar, der damals beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, weil er, Alfred, in der festen Überzeugung, niemand würde jemals Anspruch auf den Rucksack anmelden, diesen an sich genommen und von allem Übel gereinigt hatte. Man warf ihm Unterschlagung, Zerstörung von Beweismitteln und versuchten Diebstahl vor. Alfred war am Ende durch die Fürsprache seines Vorgesetzten noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Jedenfalls verspürte er seither keine Lust mehr, irgendwelche Gegenstände aus der Schleuse zu ziehen.

 

Alles in allem liebte Alfred seine Arbeit, die er ohne übertriebene Eile verrichtete, und jene außergewöhnlichen Vorkommnisse verglich er mit dem gelegentlichen Wellenschlag, den die schweren Pötte beim Durchpflügen des Kanals verursa­chten und der sanft an die Böschungen des Ufers schwappte.

»Ach du liebe Scheiße …«, schepperte es plötzlich durch den Sprechfunk. »Datt darf nich wahr sein … Jupps Stimme hatte einen hysterischen Klang angenommen und erstarb abrupt.

»Watt is’n los, Jupp

»Datt glaubße nich, Alfred, watt da im Koffer is, brüllte der Schleuser mit sich überschlagender Stimme. Alfred drehte den Lautsprecherpegel um zwei Stufen herunter.

»Sach schon«, fragte er, ahnte aber, was auf ihn zukommen würde, denn Jupps Stimme hatte einen panischen Klang angenommen.

 




 
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