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 SATIRIX
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LESEPROBE "SATIRIX - DAS LEBEN GEHT ANDERS"
 

Ruhestörung

Seit einigen Wochen habe ich unendlich viel Zeit. Ich frage mich, was ich mit ihr anfangen soll. Im täglichen Leben kam ich kaum zum Nachdenken. Es fehlte mir die Muße, in all der Hektik über dies oder das in Ruhe zu sinnieren. Gibt es von dem Einen zu viel, hat man vom Anderen zu wenig.

Ehrlich gesagt, angenehm ist es nicht, in einem Sarg zu liegen. Vor allem weil man keine ausreichende Bewegungsfreiheit hat und sich nicht einmal auf die Seite drehen kann. Als ich noch lebte, hasste ich es, im Bett auf dem Rücken zu liegen. Ein Manko ist auch, dass es in Särgen keine Beleuchtung gibt, zumal ich gerne lese. Zwar könnte ich hier drinnen kein Buch so halten, dass ich darin bequem blättern könnte, noch schlimmer allerdings ist, dass man mir anlässlich meiner Beisetzung nicht einmal eine Zeitung mitgegeben hat. Die Todesanzeige hätte mich schon interessiert. Zumindest hätte ich an der Größe ablesen können, ob ich den Hinterbliebenen mehr als einspaltig und 20 Millimeter wert gewesen
bin.

 

Mein Sarg taugt wirklich zu gar nichts. Zu eng, zu dunkel, zu ungesund. Genau das ist mein Eindruck. Ganz besonders stört mich die Feuchtigkeit. Sie ist nicht gut für die Knochen. Feuchtigkeit macht krank – zieht in die Glieder. Ganz sicher werde ich mich erkälten. Aber wenn ich es mir recht überlege, sollte ich froh sein, in einem soliden Eichensarg zu liegen. Immer noch besser als verbrannt, oder? Gut, gut, ich müsste zwar nicht über die muffige Luft klagen, aber glücklicher wäre ich garantiert nicht, eine Urne zu bewohnen. So gesehen bin ich jetzt besser dran. Ein wenig klamm eben. Richtig zufrieden ist man ja sowieso nie. Ob begraben oder verbrannt, es gibt immer etwas zu bemängeln. Im Leben war es auch nicht anders. Andauernd hatte ich irgendein Wehwehchen und musste zum Arzt. Aber richtig helfen konnte der mir auch nie. Jetzt hat dieser Quacksalber den Salat, er hat einen seiner besten Kunden verloren, und ich darf die Wurzeln von unten betrachten.

Ich fürchte, die Langeweile hier unten wird mich auf Dauer neurotisch machen. Schon wegen der unerfreulichen Zukunftsperspektive. An Reinkarnation glaube ich auch nicht, ansonsten hätte ich mich in meinem Testament als Alleinerben eingesetzt und könnte mich auf die Zukunft freuen. Na ja, jetzt bekommt alles mein Hund. Wenigstens er hat noch ein paar erfreuliche Jahre. Auf der anderen Seite kann ich nicht eine Ewigkeit lang an meinen Hund denken. Wie schon gesagt, Zeit hätte ich ja.

Hier unten gibt es absolut keine Ablenkung. Die Friedhofsordnung gilt nur für die Lebenden, und wir haben nicht einmal ein Mitspracherecht! Am meisten vermisse ich mein Laptop. Er war mir richtig ans Herz gewachsen. Ein Netzanschluss am Fußende, ein paar Kabel und eine Maus hätten hier leicht Platz gehabt. Mit einer Flatrate hätten sich auch die Kosten im Rahmen gehalten. Zeit genug hätte ich jetzt, in Literaturforen zu surfen oder im Blog.de ein paar Geschichten zu veröffentlichen. Niemandem würde auffallen, dass ich längst tot bin, zumal sich mein Zustand von dem einiger Mitglieder ohnehin kaum unterscheidet. Die kommen auch nie an die frische Luft, und manche von ihnen haben sogar seit Jahren keine menschlichen Kontakte mehr.

 

Ein bisschen ist es auf dem Friedhof wie in einem Hochhaus. Ich kenne nicht einmal meine Nachbarn, obwohl wir direkt nebeneinanderliegen. Aber das kennt man ja, als Neuer hat man es überall schwer. Na ja, irgendwann werde ich mich an meine Umgebung gewöhnen. Alternativen sind ja nicht vorhanden. Also muss ich wohl oder übel ein einvernehmliches Agreement mit den Würmern und Insekten treffen, die mir in Kürze Gesellschaft leisten werden. Ich finde, ein Toter muss konziliant sein. Gerade dann, wenn es um ein erträgliches Miteinander geht. Da darf man nicht zimperlich sein. Immerhin muss man eine sehr lange Zeit miteinander auskommen. Würmer, Käfer und die anderen Krabbeltiere haben schließlich die gleiche Lebensberechtigung wie unsereiner.

Ich gebe zu, ich würde meine Lage leichter ertragen, wenn ich nebenbei ein spannendes Büchlein lesen könnte. Lesen lenkt ab. Und ein bisschen Musik ab und zu wäre auch nicht schlecht. Ich frage mich, was sich der Bestatter dabei dachte, als er den Sarg anfertigte. Nichts, vermute ich. Früher legte man den Pharaonen ja auch ihre Lieblingssachen mit in die Grabstätten. Und heute? Ein paar Holzbretter, Schrauben und billiger Stoff an den Innenwänden, das war’s! Kein Radio, keine Spiele und schon gar kein Licht. Waschen kann man sich auch nicht. Denkt eigentlich niemand daran, dass auch Tote ein gewisses Bedürfnis nach Hygiene haben?

 




 
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