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 WALKÜRE FÜR JAN-X
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LESEPROBE »WALKÜRE FÜR JAN-X«
 

Jan-X ist ein ziemlich gebeutelter Schriftsteller, der mit seinen 30 Jahren anscheinend noch immer nicht das passende Genre für sich und seine Leser gefunden hat – oder auch, weil der romantische Freidenker heftig boykottiert wird. Er selbst ist der Meinung, dass sein ewig klammer Geldbeutel eher eine Art Kollateralschaden einer immer blöder werdenden Gesellschaft ist, denn er schreibt doch verdammt gut. Zumindest behaupten das, außer ihm, noch einige seriöse Kritiker. Vor allem seine weibliche Fangemeinschaft ist davon überzeugt – nicht nur jene Leserinnen, die seine literarischen Auslegungen aus nächster Nähe erfahren durften.

Er hofft stark, dass er diesen verhaltenen Erfolg weniger seinem Aussehen und dem zurückhaltenden Wesen zu verdanken hat, sondern vielmehr der Art, wie er sein Umfeld betrachtet: lässig und pragmatisch, aus braunen Augen mit ungewöhnlich langen Wimpern – für einen Mann. Eigentlich ist sein ganzes Aussehen ein bisschen apart, doch völlig aus der Mode geraten, denn er trägt lange, bis aufs Schulterblatt reichende, braune Haare und einen Siebentagebart, was irgendwie an einen gütigen Jesus erinnert. Er besitzt keine Löcherjeans, nein, seine Bluejeans sind noch nicht mal verwaschen. Zum braunen Lodenmantel trägt er einen braunen Hut, passend zu den braunen Stiefel – als wäre nicht schon genug Braun an ihm. Der kleine Lederrucksack an der rechten Schulter ist kamelfarben und sein Hemd weiß-grün gestreift. Obendrein spielt noch etwas in seinem Leben eine wichtige Rolle: der markante Duft seines Rasierwassers Marke Eigenkreation – einer sanften Lösung aus sieben selbst geernteten Naturkomponenten. Dieses Elixier inspiriert ihn und lockt die Musen herbei – meint er jedenfalls. Außerdem reift es auf seiner Haut zur endgültigen, maskulinen Duftfalle heran – sehr passend zu seiner mitteltiefen Sandstimme. Zumindest bildet er sich das so ein und fühlt sich gar nicht eitel dabei.

Wie auch immer, er und seine 1,85 m große, sportliche Gestalt werden niemals auf der Straße verhungern, denkt er, möchte er, wünscht er sich – denn alles Weibliche hat auch einen angeborenen Mutterinstinkt, irrt Jan-X, egal was genau er darunter versteht. Außerdem ist er schon seit Ewigkeiten ein Gentleman und bleibt niemandem etwas schuldig – schon gar nicht den Frauen. Aber auch im Nehmen kommt er nicht zu kurz. Sein ganzer Lebenswandel segelt auf einem einzigen Wellenmeer des gegenseitigen Beglückens dahin. Optimal, solange er willig ist und die jeweilige Frau nichts dagegen hat.

Jetzt steht er vor einer Telefonzelle im großen ›Keleti pu‹ der ungarischen Hauptstadt Budapest. ›Keleti‹ steht für Osten und ›pu‹ für Pályaudvar, was Bahnhof heißt. Er befindet sich also im Ostbahnhof. Hier steht er schon eine ganze Weile an den überdachten Gleisen des großen Kopfbahnhofs und wartet auf den ausschlaggebenden Anruf aus Hamburg. Er findet es gut, dass inzwischen jeder Mensch in der ungarischen Hauptstadt ein Handy besitzt, im Spätsommer des Jahres 2012. Weniger gut ist jedoch, dass ausgerechnet er keines bei sich trägt, weil sein Auftraggeber das so wollte. Aber Hauptsache, all diese Passanten hier telefonieren fleißig mit ihren Handys, sodass seine Telefonzelle frei bleibt. Vor 20 Jahren hätten hier nämlich noch mindestens ein Dutzend Leute angestanden – und niemals wäre sein Auftraggeber über diese Telefonzelle zu ihm durchgekommen. Man hätte sich auf Brieftauben, Rauchzeichen oder sonst was einigen müssen. So aber steht er schon eine geschlagene halbe Stunde hier – und siehe da, kein einziger Mensch interessiert sich für das öffentliche Telefon, obwohl pro Minute bestimmt etliche hundert Personen daran vorbeilaufen. Aber was bringt ihm die freieste Telefonzelle, wenn kein Anruf kommt?!

Verflixt! Und dann ist da noch dieser Traum von letzter Nacht, der ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Er hat von Walhall geträumt. Eine Walküre hatte ihn vom Schlachtfeld des Lebens erlöst und in den friedlichen Himmel der verdingten Krieger gebracht – nach Asgard. Dort wurde er Odin vorgestellt, der eine Augenklappe trug. Zwei Wölfe wachten mit leuchtend roten Augen vor Odins Thron. Und alle germanischen Helden lachten fröhlich, als er, Jan-X, sein Schwert vorzeigen musste: die Schreibfeder. Odins Raben kreisten über ihn, weil sie ihn für einen Vogel hielten. Plötzlich zuckten Blitze zwischen den Hörnern auf Odins Kriegshelm. Odin zog daraufhin sein mächtiges Schwert und legte dessen Spitze auf seine, Jan-X’ linke Schulter. Mit dröhnender Stimme sprach er nun: ›Das Wort ist mächtiger als das Schwert, Barde!‹ Dann rupfte er seinen Raben Hugin und Munin je eine Feder aus, spitzte sie an seinem Schwert zurecht und reichte sie ihm, während er sagte: ›Damit können deine Worte von nun an auch schießen.‹ Als er die Federn in seine rechte Hand nahm, begannen diese von ganz allein zu schreiben, auf seine andere, offene Handfläche. Sie zeichneten ein paar Buchstaben und Ziffern mit einem kleinen Kreis, Kommas und Doppelkommas oberhalb.

Tja, das war der konfuse Traum von letzter Nacht, ausgeträumt hier, auf einer harten Bank im Keleti pu. Und zu verdanken hatte er diesen Traum sicherlich nur jener Wahrsagerin aus dem Hamburger Kiez, die ihm am Abend zuvor eine baldige Begegnung mit einer Walküre prophezeite. Sie würde kommen, um ihn von seinen Todesgedanken zu erlösen, orakelte sie aus ihrer leuchtenden Kristallkugel. Ja, da hatte sie voll ins Schwarze getroffen, denn diese Gedanken begleiten ihn nun schon seit geraumer Zeit, überlegt Jan-X, während er so dasteht und weiter auf den Anruf wartet.

Er ist doch am Ende, und er glaubt an eine Wiedergeburt. Diesen Job macht er jetzt lediglich wegen der zugesagten tausend Euro, die er unbedingt braucht, um würdig aus diesem Leben zu scheiden. Er will nämlich konserviert ins Jenseits einziehen. Niemand darf seine Leiche finden. Kein Gerichtsmediziner soll ihn aufschneiden. Kein Tropfen Blut darf vergossen werden – auch nicht durch ihn selbst. Aber wie genau er das letztendlich anstellen wird, weiß er noch nicht. Er weiß nur, dass er sein Glück in der nächsten Dimension suchen will. Fröhlich überzeugt wird er ins Jenseits gehen, um dort neu gemischt und frisch verschickt zu werden, in eine andere Existenz, denn dies hier ist wohl die verkehrte Adresse gewesen: diese Welt, in der nur Idioten, Schurken und Verbrecher das Sagen haben. Daher kann sie schon recht haben, diese Wahrsagerin, denn es sind doch Walküren, die einen von den Todesgedanken erlösen. Sie schaffen dich durch die Lüfte nach Walhall und zeigen dir das neue Leben nach dem irdischen Tod. Dort angekommen, ist man dann endlich erlöst von der Perspektivlosigkeit dieser Welt.

Jan-X starrt auf die Telefonzelle und sieht sich selbst darin spiegeln. Er nimmt sich vor, nicht weiter über sein Vorhaben nachzudenken. Fröhlich und gut gelaunt will er die letzten Tage hier auf diesem Planeten verbringen und dann ohne Gram von dannen gehen – mit einer Handvoll Spaß im Gepäck für den großen Weg. Er lächelt sein Spiegelbild belustigt an. Da steht er nun wie ein Depp vor dieser Zelle und keine Sau ruft an. Am heutigen Samstag, den 15. September, um genau 15:00 Uhr, sollte es hier schellen, damit er erfahre, wo genau die Frachtpapiere für die fünf restaurierten und veredelten Nostalgiewaggons abzuholen seien – und vor allem, wo genau diese Museumsdinger stehen und wie und wann es losgehen soll, auf die Reise zurück nach Hamburg. Jetzt aber ist es schon 15:30 Uhr – und nichts geschieht. Das Schlimmste aber ist, dass er Hamburg nicht selbst anrufen darf. Strikte Anweisung! Und genauso mysteriös wie auch das generelle Handyverbot für die gesamte Zeit des Auftrags. Man dürfe ihn unter keinerlei Umständen orten. Niemand soll erfahren, wo auf diesem Planeten er sich gerade befindet, denn die Konkurrenz auf St. Pauli findet es gar nicht lustig, dass plötzlich ein Puff in Form eines Nostalgiezugs die Kundschaft von der Reeperbahn weglocken soll. Die Idee sei zwar bombig – leider aber nur und nur für den Besitzer dieser Einrichtung. Und genau der ruft jetzt nicht an.

Jan-X hat schon lange den Kaffeestand da drüben im Visier. Er wartet nur, dass dort keiner mehr ansteht, damit er sofort drankommt. Nun ist es so weit. In Windeseile saust er hinüber, holt sich einen Kaffeebecher und rennt zurück. Dann aber, auf halbem Wege, traut er seinen Augen nicht: In genau diesen 15 Sekunden Abwesenheit hat eine junge Lady seine Telefonzelle in Besitz genommen – als hätte sie nur darauf gewartet, dass er sich diesen verdammten Kaffee holt. Wie aus dem Nichts ist sie aufgetaucht und hat die Zelle besetzt. Nun verhindert sie den erwarteten Anruf. Zefix! Er eilt zu ihr und will sie überreden, einen anderen Apparat zu benützen.

Vor der Zelle steht der voll beladene Gepäckwagen, genau in ihrem Blickfeld. Mit einem Argusauge wacht sie darüber, während sie mit dem zweiten Auge auf die Nummer schaut, die sie wählt. Und gerade in der Sekunde, in der Jan-X mit halb verschüttetem Kaffee die Telefonzelle erreicht hat und an die Scheibe klopft, fällt die Münze klappernd in den Sammelbehälter des Apparats. Die Lady ist verbunden! Sie guckt ihn nur kurz und etwas dümmlich an, dann quatscht sie unbekümmert drauflos, weiterhin mit Blick auf ihr Gepäck.

Jan-X überlegt, wie er dieser Hübschen am effektivsten verständlich machen könnte, dass er auf einen sehr wichtigen Anruf wartet. Doch plötzlich fängt die Lady an wie wild zu gestikulieren und erbost in den Hörer zu schimpfen. In diesem Augenblick begreift er, dass er null Chancen gegen dieses aufgedrehte Temperament da drinnen hat. Ratlos hebt er seinen Becher und nippt verdrossen am Rest des Kaffees. Er läuft nachdenklich einmal um die Telefonzelle herum, so etwa wie im Tiergarten. Dann beobachtet er ganze 30 Sekunden die tobende Anruferin und beschließt instinktiv, dem Schicksal einfach seinen Lauf zu lassen.

Seine Pflicht hat er doch getan: eine geschlagene halbe Stunde auf den blöden Anruf gewartet. Aber keiner hat ihn angeklingelt – und wie es aussieht, scheint das Telefon doch einwandfrei zu funktionieren. Um sich zu beruhigen, redet er sich ein, dass jetzt eh kein Anruf mehr kommen würde, selbst wenn die Zelle frei wäre. Das trichtert er sich einmal, zweimal, dreimal ein, bis er es auch glaubt. Dann schenkt er der Lady da drinnen ein Lächeln und hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Etwa den Auftrag abblasen und mit leeren Händen die Rückreise antreten? Er weiß es nicht. Trotzdem hebt er den Becher und prostet der Zellenokkupantin zu, als trinke er Champagner auf ihr Wohl. Das macht er, damit sie sich nicht etwa gegängelt fühlt oder angemacht oder sonst irgendwas, was eine Frau sowieso viel zu schnell in den falschen Hals bekommt.




 
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